Fussnoten zu Gedankengängen über den Lauf der Dinge – Aphorismen

Aphorismen (Manuskript 2021)

Frage an den Kohelet:
Warum hat nicht auch das Zeit haben
seine Zeit?

Die Zeit läuft davon.
Dem einen in die Vergangenheit,
dem anderen in die Ewigkeit.

Ungeplante Störungen im Tagesablauf zulassen.
Sie verhindern den Tagesabfluss.

Sein Geduldsfaden reisst nie.
Wird er mir daraus einen Strick drehen?

Geduld kennt keinen Aufschub.

Erreife die Gelegenheit!

Leichter, einander Zeit zu geben
als Raum.

***

Ein Gott, der sich inkarniert,
lässt sich nicht einverleiben.

Sich die Inkarnation
einverleiben.

Gott will keine halben Heiligen:
Die auf dem Weg zurück zur unheiligen Welt
auf halber Strecke stehenbleiben.

Auch auf dem schmalen Weg
kann man breitspurig gehen.

Nimm das leichte Joch,
aber nimm es nicht auf die leichte Schulter.

Himmelsschätze,
durch Tiefenbohrungen gewonnen

***

Die Kunst, ein weisses Blatt zu beschreiben:
Jede Tönung von weiss.

Sich schreibend vergegenwärtigen,
dass jeder Leser ein Erlesener ist.

Künstler-Gebot:
Liebe deinen Nächsten mehr als dein Werk!

Künstler, von plötzlicher
Aspiration ergriffen.

Künstler, in den circulus virtuosus
geratend

Lob des Dilettantismus:
„Wie heldenhaft er um Qualität ringt!“

Kitsch:
So viel geborgte Geborgenheit!

Bedauert man deine Erfolglosigkeit,
ist das doch schon ein Erfolg!

Geflügelte Wörter lassen sich
auch mit Aphorismen nicht abschiessen.

Rat an einen Dichter:
Du brauchst kein mehrbändiges Werk zu schreiben.
Ein unbändiges genügt.

von Beat Rink
Fachgruppe Medien/Literatur